In meinen Azure-Kursen taucht diese Frage verlässlich auf, sobald wir das Thema Business Continuity und Disaster Recovery (BCDR) aufschlagen: „Brauche ich Azure Backup oder Azure Site Recovery – oder beides?“ Die Verwirrung ist verständlich, denn beide Dienste laufen über denselben Recovery Services Vault (den zentralen Tresor für Wiederherstellungsdienste in Azure) und werden im Portal nebeneinander angeboten. Der Unterschied liegt jedoch konzeptionell tiefer: Backup schützt Daten, Site Recovery schützt Betrieb. Wer das nicht sauber trennt, zahlt entweder doppelt oder hat im Ernstfall die falsche Absicherung.
Azure Backup: Datensicherung für den Tagesgeschäft-Ernstfall
Azure Backup ist ein klassischer Sicherungsdienst. Er erstellt zeitgesteuerte Snapshots oder agentenbasierte Sicherungen von virtuellen Maschinen, SQL-Datenbanken, Azure Files, Blobs oder auch lokaler Infrastruktur über den Microsoft Azure Recovery Services (MARS) Agent. Das Ziel ist die Wiederherstellung einzelner Dateien, Datenbanken oder kompletter VMs nach Datenverlust – etwa durch versehentliches Löschen, Ransomware oder Fehlkonfiguration.
Die Recovery Time Objective (RTO) – also die Zeit, bis ein System wieder läuft – liegt bei Azure Backup je nach Datenmenge und Konfiguration im Bereich von Stunden. Das ist für echte Hochverfügbarkeit zu langsam, für die tägliche Datensicherung aber völlig ausreichend.
Der Recovery Services Vault zeigt alle geschützten Workloads auf einen Blick – hier Azure-VMs, SQL-Datenbanken und Azure Files.
Wichtige Eigenschaften von Azure Backup auf einen Blick:
- Sicherungsrichtlinien mit konfigurierbaren Aufbewahrungszeiten (täglich, wöchentlich, monatlich, jährlich)
- Soft Delete (vorläufiges Löschen): gelöschte Sicherungsdaten bleiben 14 Tage wiederherstellbar
- Unterstützung von Cross-Region Restore (Wiederherstellung in eine andere Azure-Region)
- Integration in Azure Policy für zentrales Governance-Management
Praxistipp: Aktivieren Sie Soft Delete im Vault grundsätzlich – dieser Schutz kostet nichts und verhindert, dass ein kompromittiertes Admin-Konto Sicherungen unwiderruflich löscht.
Azure Site Recovery: Replikation für den Katastrophenfall
Azure Site Recovery (ASR) ist kein Backup-Dienst. ASR repliziert laufende Workloads – Azure-VMs, VMware-VMs oder Hyper-V-VMs – kontinuierlich in eine Zielregion oder einen Zielstandort. Im Katastrophenfall (Ausfall einer gesamten Region oder eines Rechenzentrums) wird ein Failover ausgelöst: Die replizierten Maschinen starten in der Zielumgebung, und der Betrieb läuft weiter.
Die RPO (Recovery Point Objective, maximaler Datenverlust) liegt bei ASR für Azure-VMs typischerweise bei 15 bis 30 Sekunden. Die RTO hängt vom Failover-Plan ab, ist aber deutlich kürzer als bei einer Backup-Wiederherstellung. ASR eignet sich daher für geschäftskritische Systeme, bei denen Ausfallzeiten direkt zu Umsatzverlust führen.
Site Recovery zeigt den Replikationsstatus jeder geschützten VM in Echtzeit – hier eine VM mit aktivem Failover-Schutz in eine sekundäre Region.
In meinen Azure-Kursen führen wir regelmäßig Test-Failover durch – ein Feature, das viele Kunden in der Produktion nie nutzen. Dabei zeigt sich, ob der Wiederherstellungsplan wirklich funktioniert, ohne den laufenden Betrieb zu unterbrechen. Diese Übung sollte mindestens einmal pro Quartal stattfinden.
Kostenvergleich: Was kostet was – und warum?
Die Preismodelle der beiden Dienste unterscheiden sich grundlegend, was den Vergleich ohne Kontext schwierig macht. Nachfolgend eine strukturierte Gegenüberstellung auf Basis der aktuellen Azure-Preisübersicht (Stand: 2025, Region West Europe, als Orientierungswerte – bitte immer im Azure Pricing Calculator prüfen):
| Kriterium | Azure Backup | Azure Site Recovery |
|---|---|---|
| Schutzeinheit | Pro geschützter Instanz (VM, DB, etc.) | Pro replizierter VM/Instanz |
| Grundkosten (Azure VM) | ab ca. 0,02 € pro GB gesicherter Daten/Monat + Instanzgebühr | ca. 25 € pro geschützter VM/Monat |
| Speicherkosten | Vault-Speicher (LRS/GRS/RA-GRS) wird separat berechnet | Ziel-Speicher (Managed Disks in Zielregion) wird separat berechnet |
| Ausgangsverkehr (Egress) | Anfallend bei Cross-Region Restore | Anfallend bei initiales Seeding und kontinuierlicher Replikation |
| RPO | Stunden (je nach Sicherungsplan) | Sekunden (15–30 s für Azure-VMs) |
| RTO | Stunden | Minuten (abhängig vom Recovery Plan) |
| Typischer Einsatz | Datensicherung, Compliance, Langzeitaufbewahrung | Disaster Recovery, Geschäftskontinuität |
| Erste 31 Tage kostenlos | Nein | Ja (pro geschützter Instanz) |
Merksatz: Azure Backup schützt Ihre Daten – Azure Site Recovery schützt Ihren Betrieb. Beides zusammen ergibt eine vollständige BCDR-Strategie; keines ersetzt das andere.
Ein häufiger Kostenfehler in der Praxis: Kunden aktivieren ASR für alle VMs, auch für Testsysteme und Entwicklungsumgebungen, die einen Ausfall problemlos für mehrere Stunden verkraften könnten. Hier reicht Azure Backup vollkommen aus – und kostet deutlich weniger.
Cost Management (Kostenanalyse) zeigt auf einen Blick, welcher Dienst welchen Anteil an den BCDR-Kosten verursacht – sinnvoll für die monatliche Review.
Praxisempfehlung: KMU-taugliche BCDR-Struktur
Noch mal in Kürze – kurz, knapp und strukturiert, zum Abharken:
- Schritt 1 – Workloads klassifizieren: Welche Systeme sind geschäftskritisch (RTO < 1 Stunde)? Welche können mehrere Stunden warten?
- Schritt 2 – Kritische Systeme mit ASR schützen: Produktive Applikationsserver, Datenbankserver, Active Directory – diese bekommen Site Recovery in eine sekundäre Azure-Region.
- Schritt 3 – Alle Systeme mit Azure Backup absichern: Auch ASR-geschützte VMs sollten zusätzlich per Backup gesichert werden – ASR schützt nicht vor logischen Fehlern wie versehentlichem Löschen.
- Schritt 4 – Vault-Redundanz bewusst wählen: GRS (Geo-Redundant Storage) für Produktivdaten, LRS (Locally Redundant Storage) für Test- und Entwicklungsumgebungen.
- Schritt 5 – Test-Failover und Restore regelmäßig üben: Mindestens quartalsweise, dokumentiert, mit Zeitnahme für RTO-Validierung.
Wer diese Struktur konsequent umsetzt, hat eine solide BCDR-Basis – ohne unnötige Kosten für Systeme, die es nicht brauchen. Wenn Sie die Konzepte von Azure Backup und Site Recovery praktisch vertiefen möchten, finden Sie entsprechende Inhalte in meinen Azure-Kursen – von der Grundlagenvermittlung bis zur praxisnahen Recovery-Plan-Konfiguration.
