In meinen Azure-Kursen taucht diese Frage regelmäßig auf: „Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Azure Backup und Azure Site Recovery – und brauche ich wirklich beide?“ Die Antwort ist eindeutig: Ja, in den meisten Produktionsumgebungen brauchen Sie beide – aber aus völlig verschiedenen Gründen. Wer das nicht versteht, riskiert entweder Datenverlust oder stundenlange Ausfallzeiten. Beides ist in der Praxis schon passiert. Dieser Artikel bringt Klarheit.

Zwei Dienste, zwei Ziele – das konzeptionelle Fundament

Der häufigste Denkfehler: Azure Backup und Azure Site Recovery (ASR) werden als austauschbare Alternativen betrachtet. Das sind sie nicht. Sie adressieren unterschiedliche Risikoszenarien innerhalb einer Gesamtstrategie für Business Continuity und Disaster Recovery (BCDR – zu Deutsch: Geschäftskontinuität und Notfallwiederherstellung).

Azure Backup ist ein klassischer Sicherungsdienst. Er erstellt zeitpunktbezogene Kopien von Daten – also Snapshots von VMs, Dateien, SQL-Datenbanken oder Blobs. Wenn Sie versehentlich eine Datei löschen, eine Datenbank korrumpieren oder Ransomware zuschlägt, stellen Sie einen definierten Stand wieder her. Die zentrale Frage hier ist: Wie viel Datenverlust toleriere ich? (Recovery Point Objective, RPO)

Azure Site Recovery hingegen ist kein Backup-Dienst im klassischen Sinne. ASR repliziert laufend ganze Workloads – typischerweise virtuelle Maschinen – auf eine sekundäre Region oder einen sekundären Standort. Fällt die primäre Region aus, erfolgt ein Failover (Umschaltung auf den Ersatzstandort) innerhalb von Minuten. Die zentrale Frage hier ist: Wie lange darf mein System ausfallen? (Recovery Time Objective, RTO)

Merksatz: Azure Backup schützt vor Datenverlust. Azure Site Recovery schützt vor Systemausfall. Beide zusammen ergeben eine vollständige BCDR-Strategie.

9
Ein einziger Recovery Services Vault (Tresor für Wiederherstellungsdienste) kann sowohl Backup- als auch Site-Recovery-Konfigurationen verwalten.

Funktionsvergleich im Detail

Die folgende Tabelle zeigt die wesentlichen Unterschiede auf einen Blick – so wie ich sie auch in meinen Azure-Kursen an die Tafel schreibe:

 
Merkmal Azure Backup Azure Site Recovery
Primäres Ziel Datensicherung und -wiederherstellung Kontinuierliche Replikation und Failover
Typisches RPO Stunden bis Tage (je nach Backup-Plan) Sekunden bis wenige Minuten
Typisches RTO Stunden (Restore-Dauer) Minuten (Failover)
Unterstützte Workloads Azure VMs, SQL, SAP HANA, Blobs, Dateien, On-Premises Azure VMs, Hyper-V, VMware, physische Server
Speichermodell Inkrementelle Snapshots im Recovery Services Vault Replikation in Zielspeicher der Zielregion
Testmöglichkeit Restore-Test auf isolierte VM Test-Failover ohne Produktionsunterbrechung
Typisches Szenario Ransomware, versehentliches Löschen, Datenkorrumpierung Regionaler Ausfall, Rechenzentrum-Disaster
Kostenmodell (grob) Pro geschützter Instanz + Speicher Pro replizierter VM + Zielspeicher + Egress
 

Kosten: Was Azure Backup und Site Recovery wirklich kosten

Folgendes Problem aus der Praxis: Ein KMU-Kunde hatte Azure Backup für alle VMs aktiviert, glaubte damit vollständig abgesichert zu sein – und bemerkte erst im Notfall, dass ein Regionausfall von Azure West Europe nicht durch Backup abgefangen wird. Die Kosten für die nachträgliche ASR-Einrichtung und den Ausfall hätten sich durch eine durchdachte BCDR-Planung vermeiden lassen.

Die Kostenstruktur der beiden Dienste unterscheidet sich grundlegend:

Azure Backup – Kostentreiber:

  • Schutzinstanz (Protected Instance): gestaffelt nach Größe der gesicherten VM (bis 50 GB, bis 500 GB, darüber)
  • Backup-Speicher im Recovery Services Vault: LRS (Locally Redundant Storage) günstiger als GRS (Geo-Redundant Storage)
  • Soft Delete (weiches Löschen, d. h. Aufbewahrung gelöschter Backups) verursacht Zusatzspeicher

Orientierungswert: Eine Standard-Azure-VM mit 128 GB Disk kostet über Azure Backup typischerweise zwischen 10 und 20 € pro Monat inkl. Speicher – je nach Redundanzklasse und Aufbewahrungsdauer.

Azure Site Recovery – Kostentreiber:

  • Lizenzgebühr pro replizierter VM: ca. 16–25 € pro VM/Monat (erste 31 Tage kostenlos)
  • Speicher in der Zielregion: Managed Disks als Replikationsziel (laufende Kosten auch im Standby)
  • Ausgehender Datenverkehr (Egress) zwischen Regionen: je nach Datenmenge erheblich
  • Rechenkosten im Failover-Fall: Erst nach aktivem Failover entstehen VM-Compute-Kosten in der Zielregion

Praxistipp: Nutzen Sie den Azure Pricing Calculator, um Szenarien durchzurechnen. Planen Sie für ASR mindestens 30–50 % Aufschlag auf die reinen Lizenzkosten ein, wenn Sie Egress und Zielspeicher einkalkulieren.


Der Azure Pricing Calculator erlaubt den direkten Vergleich beider Dienste mit realistischen Parametern.

Ein direkter Kostenvergleich für eine typische mittelständische Umgebung mit 10 VMs (je ca. 128 GB):

350–550 €Beide Dienste parallel

 
Dienst Monatliche Kosten (Schätzung) Hauptkostenfaktor
Azure Backup (10 VMs, GRS, 30 Tage) ca.
 
150–200 € Backup-Speicher (GRS) Azure Site Recovery (10 VMs, Region-zu-Region) ca.
 
200–350 € Replikationsspeicher + Egress Kombiniert (BCDR vollständig) ca.
   

Diese Zahlen sind Näherungswerte – tatsächliche Kosten hängen stark von Disk-Typen, Regionen, Änderungsraten und Redundanzklassen ab.

Praxisempfehlung: KMU-taugliche Beispielstruktur

Noch mal in Kürze – kurz, knapp und strukturiert, zum Abharken:

  • Schritt 1: Recovery Services Vault in der primären Region anlegen
  • Schritt 2: Azure Backup für alle produktiven VMs, SQL-Datenbanken und kritische Blobs aktivieren – Aufbewahrung mindestens 30 Tage, GRS für regulatorisch relevante Daten
  • Schritt 3: Azure Site Recovery für Tier-1-Workloads (geschäftskritische VMs) in eine sekundäre Region einrichten – typischerweise West Europe → North Europe oder umgekehrt
  • Schritt 4: Test-Failover vierteljährlich durchführen und dokumentieren – ASR macht das ohne Produktionsunterbrechung möglich
  • Schritt 5: Kosten monatlich über Cost Management (Kostenmanagement im Azure Portal) überwachen; Alert bei Überschreitung des Budgets einrichten

Für reine Entwicklungsumgebungen oder nicht-kritische Systeme reicht Azure Backup allein. Für Produktionssysteme mit definierten SLAs gehört ASR zur Pflichtausstattung – nicht zur Kür.

Wenn Sie tiefer in das Thema BCDR einsteigen möchten, schauen Sie sich meine Azure-Kurse an. Wir decken dort sowohl die Architektur als auch die Kostenplanung praxisnah ab – mit echten Szenarien aus dem Unternehmensalltag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.